Gesteuert vom Himmelskörper? Wollen wir das?
Heute Morgen habe ich das Cabrio aus der Garage gefahren.
Nicht langsam. Nicht zögerlich. Sondern mit diesem kleinen inneren Lächeln, das sich einstellt, wenn nach Wochen von Nieselregen plötzlich Licht durch die Wolkendecke bricht. Warm. Eigentlich zu warm für die Jahreszeit. Aber herrlich.
Und während ich so das Verdeck öffne, denke ich:
Gesteuert vom Himmelskörper? Wollen wir das?
Denn eines ist ja auffällig. Kaum scheint die Sonne, wirken die Menschen freundlicher. Gespräche entstehen vor der Bäckerei. Im Café werden Stühle nach draußen getragen. Selbst das Gehen scheint leichter.
Ist das nur Vitamin D?
Oder ist da mehr?
Natürlich hat das Licht Wirkung. Sonnenstrahlen fördern die Bildung von Vitamin D, beeinflussen den Serotoninspiegel, reduzieren Melatonin. Wir werden wacher, aktiver, oft auch optimistischer.
Das ist keine romantische Überhöhung, sondern Wissenschaft.
Aber erklärt das schon die kollektive Euphorie?
Oder erklärt es nur die körperliche Aktivierung – während die eigentliche Bedeutung im Kopf entsteht?
Die Sonne als Symbol für ... ja für was eigentlich?
Sonne ist nicht nur Licht.
Sonne ist Bedeutung.
Sie steht für Aufbruch, Neubeginn, Hoffnung. Seit Jahrhunderten. Kinder zeichnen sie automatisch in die Ecke eines Bildes von Glück.
Wir reagieren nicht nur physiologisch – wir reagieren kulturell.
Und dann kommt noch der Verstärker hinzu.
Radio: „Endlich Frühlingsgefühle!“
Instagram: Sonnenbrille, Eisbecher, #goodvibes.
WhatsApp-Status: „Sonne tanken!“
Wenn alle sagen, es ist schön, fühlt es sich schöner an.
Das nennt man selbsterfüllende Prophezeiung.
Erwartung erzeugt Erlebnis.
Aber Vorsicht, das funktioniert leider auch umgekehrt.
Wenn Dunkelheit thematisiert wird ...
Wenn wochenlang von Krise, Bedrohung und Niedergang gesprochen wird, dann verändert das ebenfalls unser inneres Klima.
Nicht nur das Wetter erzeugt Stimmung.
Kommunikation tut es auch.
Stimmungsbilder sind mächtig.
Sie erzeugen kollektive Hoch- und Tiefdruckgebiete.
Deshalb ist die anfangs gestellte Frage gar nicht so banal:
Wenn schon die Sonne unsere Laune hebt –
wie sehr lassen wir dann andere Stimmungen zu uns herein?
Und wollen wir das?
Das Cabrio-Prinzip:
Mein Cabrio hat kein Saisonkennzeichen. Es darf jederzeit fahren.
Aber meine gute Laune sollte idealerweise auch keines haben.
Wenn sie ausschließlich vom Himmel abhängt, bin ich fremdgesteuert. Von Wolken.
Der Stoiker Epiktet hätte nüchtern gesagt:
Nicht die Dinge selbst beunruhigen uns, sondern unsere Bewertung der Dinge.
Regen ist zunächst nur Regen.
Wir machen daraus:
„Trist.“
„Schlechter Tag.“
„November im Herzen.“
Das ist keine meteorologische Notwendigkeit. Das ist Interpretation.
Wie schützen wir uns vor dem seelischen Wetterumschwung?
Vielleicht mit drei kleinen Werkzeugen aus der Konfliktbaustelle:
1. Bedeutung prüfen
Ist Sonne wirklich gleich Glück – und Regen gleich Trübsinn?
Oder erzählen wir uns diese Geschichte nur seit Jahren?
2. Genuss ohne Abhängigkeit
Die warmen Tage bewusst genießen.
Aber sie nicht zur Bedingung für Zufriedenheit machen.
Freude ja.
Fremdsteuerung nein.
3. Stimmungsbilder selbst wählen
Wir können nicht verhindern, dass Stimmungen gehypt werden.
Aber wir können entscheiden, welche wir weitertragen.
Nicht jede Wolke ist ein Drama.
Nicht jedes Hoch eine Garantie für Glück.
Versuchen wir doch mal, trotz Regen zu singen und zu tanzen, wie Gene Kelly, "Singin´in the rain" ...
und siehe da: Happy again!
Heute ist Sonne.
Das Verdeck ist offen.
Der Motor klingt besser als im Regen – zumindest bilde ich mir das ein.
Ich genieße das.
Und wenn morgen wieder Regen angesagt ist?
Dann bleibt das Cabrio drin. Oder auch nicht.
Aber ich bleibe nicht automatisch im seelischen Tiefdruckgebiet.
Denn vielleicht ist die entscheidendere Frage gar nicht,
ob die Sonne scheint.
Sondern:
Wer sitzt eigentlich am Steuer?
In diesem Sinne: Sucht Euch auch ein "Cabrio-Prinzip" zur Stimmungsregulierung, zugeschnitten auf Euer Leben.
Eigenverantwortlich. Selbständig. Stark.
MD
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