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Kommt es nun auf die Größe an – oder nicht?

Mein Lieblingsmensch und ich hatten neulich etwas zu feiern. Also taten wir das, was man gelegentlich tut, wenn man sich selbst eine kleine Bühne gönnt: Wir fuhren mit dem Cadillac zu unserem Lieblings-4-Sterne-Lokal. Der Stammplatz war – wie immer – strategisch klug gewählt: letzte Reihe, möglichst weit weg vom Schuss. Nicht aus Menschenfeindlichkeit, sondern aus lackschonender Vorsicht. Wer schon einmal gesehen hat, wie achtlos sich Autotüren öffnen, weiß: Der wahre Feind des gepflegten Blechs ist nicht der Verkehr, sondern der Parkplatz. Der Abend war schön, das Essen ebenso. Als ich danach meine Herzdame mit Schirm zurück zum Fahrzeug begleitete, sah ich es schon von weitem: Ein Handwerker-Sprinter hatte sich neben unseren Escalade gestellt. Ich gebe es zu: In mir meldete sich kurz ein unmediativer Impuls. „Gruppenzwang“, murmelte ich. Und noch ein paar andere Gedanken, die nicht in ein Fortbildungsseminar für gewaltfreie Kommunikation gehören. Als alles verstaut war, ging ich zur ...

Die Gruppe, die sich selbst erfüllt – oder: Wer denkt hier eigentlich noch nach?

Es gibt diese Momente, in denen man – eigentlich ohne jede Absicht – über etwas stolpert, das einen festhält. Heute war es keine große Nachricht. Kein politischer Skandal, keine Schlagzeile. Es war eine Facebook-Gruppe. Ihr Name: „Dinge, die zum Nachdenken anregen.“ Ich musste schmunzeln. Und blieb hängen. Denn schon der Name ist ein kleines Versprechen. Oder vielleicht sogar mehr: ein Anspruch. Vielleicht sogar eine Einladung. Oder – und das ist die eigentliche Pointe – ein Paradox. Denn wenn eine Gruppe genau das tut, was sie im Namen trägt, dann ist sie ja… fertig. Selbsterfüllt. Abgehakt. Ziel erreicht. Man könnte sagen: Mission completed– wir können schließen. Aber natürlich funktioniert das so nicht. Ist Denken ein knappes Gut? Mich bringen täglich Dinge zum Nachdenken. Ein Gespräch, das schiefgelaufen ist. Ein Blick. Ein Satz, der hängen bleibt. Oder auch das Schweigen danach. Und ich gehe fest davon aus: Anderen Menschen geht es genauso. Hoffentlich! Nur...

Generationskonflikt – Generationsvertrag – Generationskommunikationsproblem

Es gibt Konflikte, die sind so alt wie die Menschheit selbst. Nicht, weil wir nichts dazulernen würden – sondern weil sie gewissermaßen eingebaut sind. Systemimmanent. Der Generationskonflikt gehört dazu. Schon bevor es Begriffe wie „Babyboomer“, „Gen X“, „Millennials“ oder „Gen Z“ gab, gab es das stille – oder laute – Unverständnis zwischen denen, die schon da waren, und denen, die gerade kommen. Der Soundtrack des Generationsen-Missverständnisses: „From the moment I could talk, I was ordered to listen…“ Mit dieser Zeile beginnt Father and Son von Cat Stevens aus dem Jahr 1970 . Ein Lied wie ein Gespräch – oder genauer: wie zwei Monologe, die sich knapp verfehlen. Ein Vater erklärt die Welt. Ein Sohn will sie erleben. Zwei Perspektiven, beide plausibel. Und doch reden sie aneinander vorbei. Ein paar Jahrzehnte später klingt das dann so – laut, frech, ikonisch: „Und wie du wieder aussiehst, Löcher in der Hose – und ständig dieser Lärm…“ Ein Satz aus „Junge“ von Die Ärzte aus dem Jah...

Süßigkeitenschubladenzeitschaltuhr

Morgens. Küche. Immer. Ein Blick in den Garten, der langsam heller wird. Zwei Tassen auf dem Tisch. Kaffee für mich, Tee für meinen Lieblingsmenschen. Oder umgekehrt? Vielleicht noch ein Glas Saft. Es ist ruhig. Also fast. Denn da sitzen sie schon. Drei Königspudel. Eine Lhasa-Apso-Dame. Aufmerksam. Erwartungsvoll. Hochkonzentriert. Nicht irgendein Sitzen. Das ist kein zufälliges Verweilen. Das ist ein präzise einstudiertes Ritual. Denn sie wissen: Wenn wir beide sitzen , und erst dann, passiert in absehbarer Zeit etwas Entscheidendes. Die Süßigkeitenschublade geht auf. Und in dieser Schublade – strategisch günstig in Griffweite – liegt die Schnittstelle zwischen zwei Welten: Schokolade für uns. Butterkekse für sie. Mindestens zwei. In kleine Stücke gebrochen. Vornehm angereicht. Gerecht verteilt. Verlässlich. So will es das Gesetz. Und wenn dieses Gesetz nicht eingehalten wird? Dann beginnt die Kommunikation. Mary-Lou übernimmt die erste Eskalationsstufe. Ein leichtes Wackeln des gan...

Ampel auf Grün, alles Grün, oder: Was wir sehen, wenn alles gleichzeitig passiert

Heute im Autoradio: Es läuft ein Beitrag darüber, dass heute wieder alles grün angestrahlt wird. Der 17. März. St. Patrick’s Day. Das Empire State Building leuchtet grün. Wahrzeichen auf der ganzen Welt machen mit. Eine globale Inszenierung. Ursprünglich, so höre ich, ging es um den irischen Schutzpatron Saint Patrick – und um das Kleeblatt, mit dem er der Legende nach die Dreifaltigkeit erklärte.  Aus einem religiösen Symbol wurde ein kulturelles. Und daraus ein weltweites Farbstatement. Grün als Zeichen von Irland. Grün als Zeichen von Leben. Grün als Zeichen von Zugehörigkeit. Und ich sitze im Auto und denke: Interessant – bei mir im Kopf steht die Ampel heute auch auf Grün. Nur sieht man das nicht. Heute ist so ein Tag, an dem eigentlich alles auf Grün steht. Nicht politisch. Nicht programmatisch. Sondern innerlich. Frühling. Sonne. Aufbruch. Und während ich so über die Autobahn cruise, denke ich: Heute könnte ein guter Tag werden. Grün ist ja eine interessante Farbe. In der Ve...

Gesteuert vom Himmelskörper? Wollen wir das?

Heute Morgen habe ich das Cabrio aus der Garage gefahren. Nicht langsam. Nicht zögerlich. Sondern mit diesem kleinen inneren Lächeln, das sich einstellt, wenn nach Wochen von Nieselregen plötzlich Licht durch die Wolkendecke bricht. Warm. Eigentlich zu warm für die Jahreszeit. Aber herrlich . Und während ich so das Verdeck öffne, denke ich: Gesteuert vom Himmelskörper? Wollen wir das? Denn eines ist ja auffällig. Kaum scheint die Sonne, wirken die Menschen freundlicher. Gespräche entstehen vor der Bäckerei. Im Café werden Stühle nach draußen getragen. Selbst das Gehen scheint leichter. Ist das nur Vitamin D? Oder ist da mehr? Natürlich hat das Licht Wirkung. Sonnenstrahlen fördern die Bildung von Vitamin D, beeinflussen den Serotoninspiegel, reduzieren Melatonin. Wir werden wacher, aktiver, oft auch optimistischer. Das ist keine romantische Überhöhung, sondern Wissenschaft. Aber erklärt das schon die kollektive Euphorie? Oder erklärt es nur die körperliche Aktivierung – während die eig...

Wenn die Winterlinge sprechen – Hört uns die Natur zu oder hören wir nur uns selbst?

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Heute Morgen am Frühstückstisch mit dem Lieblingsmenschen. Kaffee. Toast. Zeitung halb gelesen. Und dann dieser Satz: „Hast du die Winterlinge schon gesehen? Wenn die kommen, geht’s vorwärts Richtung Frühjahr.“ Ein einfacher Satz. Ein beiläufiger Satz. Und doch einer, der Hoffnung in sich trägt wie ein gelbes Blütenblatt im Restschnee. Aber dann die Frage, die sich – wie so oft auf der Konfliktbaustelle – leise dazwischenschiebt: Ist das eigentlich Kommunikation? Kommunizieren Winterlinge? Die Natur als Absender? Rein biologisch betrachtet: nein. Der Winterling blüht nicht, um uns etwas mitzuteilen. Er folgt keinem Mitteilungsbedürfnis. Kein Bewusstsein der Pflanze. Keine Botschaft im klassischen Sinne. Er reagiert auf Temperatur, Licht, Bodenbedingungen. Er folgt seinem genetischen Bauplan. Und doch stehen wir da – mit Schal und kalten Fingern – und sagen: „Schau, sie sind da. Der Frühling kommt.“ Wir lesen die Blüten wie eine Nachricht. Wir interpretieren sie wie ein Zeichen. Wir fü...