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Wenn die Winterlinge sprechen – Hört uns die Natur zu oder hören wir nur uns selbst?

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Heute Morgen am Frühstückstisch mit dem Lieblingsmenschen. Kaffee. Toast. Zeitung halb gelesen. Und dann dieser Satz: „Hast du die Winterlinge schon gesehen? Wenn die kommen, geht’s vorwärts Richtung Frühjahr.“ Ein einfacher Satz. Ein beiläufiger Satz. Und doch einer, der Hoffnung in sich trägt wie ein gelbes Blütenblatt im Restschnee. Aber dann die Frage, die sich – wie so oft auf der Konfliktbaustelle – leise dazwischenschiebt: Ist das eigentlich Kommunikation? Kommunizieren Winterlinge? Die Natur als Absender? Rein biologisch betrachtet: nein. Der Winterling blüht nicht, um uns etwas mitzuteilen. Er folgt keinem Mitteilungsbedürfnis. Kein Bewusstsein der Pflanze. Keine Botschaft im klassischen Sinne. Er reagiert auf Temperatur, Licht, Bodenbedingungen. Er folgt seinem genetischen Bauplan. Und doch stehen wir da – mit Schal und kalten Fingern – und sagen: „Schau, sie sind da. Der Frühling kommt.“ Wir lesen die Blüten wie eine Nachricht. Wir interpretieren sie wie ein Zeichen. Wir fü...

Das Buch, das ich mir selbst gewünscht hätte – Warum ich „Gib Konflikten (k)eine Chance!“ geschrieben habe

 Es gibt Bücher, die schreibt man aus einem Plan heraus. Und es gibt Bücher, die entstehen aus der Praxis. Und manchmal entsteht ein Buch aus einem leisen Gedanken, der einen über Jahre begleitet: Warum gab es dieses Buch eigentlich nicht, als ich es selbst gebraucht hätte? Genau so ist „Gib Konflikten (k)eine Chance! – Das kann Mediation“ entstanden. Nicht als klassisches Fachbuch. Nicht als theoretischer Leitfaden. Sondern als ein Buch, das ich mir selbst gewünscht hätte – vor, während und kurz nach meiner Mediationsausbildung. Zwischen Ausbildung und Wirklichkeit In der Ausbildung begegnet man zunächst Modellen, Phasen und Methoden. Das ist wichtig. Es schafft Struktur und Sicherheit. Was ich mir damals jedoch nur schwer vorstellen konnte, war die tatsächliche Vielfalt der Konflikte, die einem in der Praxis begegnen. Konflikte sind selten so klar, wie sie auf dem Papier erscheinen. Sie sind vielschichtig, emotional, leise oder laut, manchmal widersprüchlich – und fast immer zuti...

Wenn Schokolade nicht mehr hilft – Vom eigenen Stress-Level und anderen Ventilen

Die Leute reden ja gerne von „stressigen Arbeitstagen“. Ich würde diese eher als anstrengend bezeichnen. Für „Stress“ fehlt mir meist der Sinn, der entsteht nämlich oft in meinen eigenen Gedankengängen. Hausgemacht, könnte man sagen. Wobei: Jeder Mensch hat sein eigenes Level. Was für den einen massiv ist, lässt den anderen völlig kalt. Wir sind eben verschieden. Und manche Zündschnur ist schlicht kürzer als eine andere. Manchmal muss es dann ein Stück „Frustschokolade“ sein, um kurzfristig wieder alles in den Griff zu bekommen. Was auch immer dieses Stück Schokolade unserem Gehirn suggeriert, Belohnung, Trost, Kontrolle?  Für einen Moment funktioniert es. Ich werde öfter gefragt: „Wie steckst du das eigentlich weg?“ Meist antworte ich mit einem Lächeln: „Die Teflon-Beschichtung auf meinem Rücken wurde letzte Woche erneuert.“ Natürlich funktioniert das nicht immer. Wir sind den ganzen Tag Eindrücken ausgesetzt. Gespräche. Zuhören. Erwartungen. Stimmungen. Und immer im Gepäck: der a...

Deine Gedanken wollen nur spielen – Warum wir ständig zum Denken aufgefordert werden, aber kaum zum Nicht-Denken ---

Unsere Sprache ist verräterisch. Sie verrät mehr über uns, als uns manchmal lieb ist. Ist Euch schon einmal aufgefallen, wie selbstverständlich wir einander täglich auffordern: „Mach Dir mal Gedanken, was es heute zum Abendessen gibt.“ „Denk doch mal darüber nach, welches Studium das richtige für Dich ist.“ „Überleg Dir gut, was Du Dir zum Geburtstag wünschst.“ „Denk mal drüber nach, wie das enden könnte.“ Ständig werden wir eingeladen – oder gedrängt –, zu denken. Nachzudenken. Vorauszudenken. Mitdenken. Umdenken. Denken gilt als Tugend. Als Zeichen von Verantwortung. Als Ausdruck von Reife. Aber wann habt Ihr zuletzt jemanden sagen hören: „Denk doch mal weniger.“ „Lass das mal gut sein.“ „Nicht jeder Gedanke braucht Dich.“ Das klingt nicht attraktiv. Nicht produktiv. Nicht leistungsfähig. Wenn wir überhaupt zum Weniger-Denken aufgefordert werden, dann meist in problematischen Zusammenhängen: „Grübel nicht so viel.“ „Du bist zu verkopft.“ „Mach Dir nicht immer so viele Gedanken.“ Weni...

Ich weiß, wie man sich als Affäre fühlt …

Jetzt seid Ihr sicher überrascht, von mir hättet Ihr das nicht erwartet. Ich schäme mich auch ein wenig, immer noch. Aber die familiäre Bombe ist schon eine Weile geplatzt, und meine Frau hat mir verziehen. Als ich ihr gestern gestand, dass ich immer noch nicht so recht mit der Situation zurechtkomme, hatte sie die Idee, ich solle mir das Thema doch einfach von der Seele schreiben. Deshalb also jetzt diese – doch sehr persönlichen – Zeilen: Angefangen hat es ganz harmlos. Ein klassisches Klischee. Die unmittelbare Nachbarschaft. Unsere Nachbarn verlassen morgens regelmäßig zur gleichen Zeit wie ich das Haus. Er ist wohl Geschäftsmann, jedenfalls stets geschniegelt im Business-Outfit, unhöflich, grüßt nicht und würdigt einen keines Blickes. Sie war anders, und ich war mir von Anfang an sicher: Er hat sie nicht verdient. Während dieser morgendlichen Begegnungen schaute ich immer mal wieder verstohlen hinüber, mein Fehler, ich weiß, aber bei langbeinigen Blondinen konnte ich schon...

Vom Pubertier zur Persönlichkeit – oder: Wie Zugehörigkeit erwachsen macht

 Wir haben ja bekanntlich drei Königspudel. Die beiden Damen Curley und Bilka – gesetzter, routiniert, mit klarer innerer Landkarte. Und dann ist da noch Bobby. Deutlich jünger. Pubertier. Kindskopf vor dem Herrn. Einer von denen, die immer genau den Platz nehmen, den jemand anderes gerade freigelassen hat. Nie der Erste. Aber immer dabei. Diese Woche stand der Friseurbesuch an. Diesmal anders. Zum ersten Mal Bobby allein. Und zum ersten Mal ich allein mit ihm. Schon die Fahrt war ungewohnt. Kein Lieblingsmensch auf dem Beifahrersitz. Keine vertraute Dreierkonstellation. Nur wir zwei. Ein bisschen Unsicherheit auf beiden Seiten, würde ich sagen. Diese leise Frage, die weder Hund noch Mensch aussprechen, aber beide spüren: Schaffen wir das? Beim Frisieren habe ich ihn gehalten. Nicht nur körperlich. Ich habe Beistand geleistet, beruhigt, Nähe angeboten. Und – ganz praktisch – verhindert, dass ihm ein Ohr abgeschnitten wird oder Schlimmeres. Die Rückfahrt war schon gelöster. Und die ...

Der Mai ist noch so fern , und wenn er da ist, ist bald wieder Weihnachten!

Grau. Kalt. Dunkel. „Es könnte jetzt auch Mai sein.“ Ein Satz, der im Winter zuverlässig fällt wie der erste Raureif – im Büro, an der Bäckertheke, im Treppenhaus. Und meist folgt ein Seufzer, der mehr sagt als der Satz selbst. Die Weihnachtsstimmung ist dahin. Die Aufbruchseuphorie von Silvester ebenfalls. Die guten Vorsätze… nun ja, sie liegen irgendwo zwischen leiser Selbstironie und vorsichtiger Resignation. Und dann dieser Wunsch: Zeit vorspulen. Bitte. Ein paar Monate überspringen. Weniger Dunkelheit, mehr Licht. Weniger Pflicht, mehr Leichtigkeit. Mai eben. Aber was kommunizieren Menschen eigentlich, wenn sie so sprechen? „Es könnte jetzt Mai sein“ – eine kleine Übersetzungshilfe: Wer so spricht, redet selten über das Wetter. Es geht um etwas anderes. Überdruss. Nicht am Leben, aber an der aktuellen Version davon. Erschöpfung. Die Batterien sind leer, die Sonne reicht noch nicht zum Aufladen. Ungeduld. Ein leiser Protest gegen Zustände, die sich nicht beschleunigen lassen. Ve...