Bodyguard mit Herzchen
Es ist ein paar Monate her. Ich sollte dringend ein Dokument vorlegen – ein Papier, das seit gut zwanzig Jahren irgendwo in meinem Schrank ein stilles Dasein fristet. Die grobe Suchroute durch meine Wohnung war klar, nur die genauen Koordinaten fehlten. Alle Schubladen und Schranktüren waren schon geöffnet … und dabei findet man natürlich Dinge, die man gar nicht gesucht hat.
Zum Beispiel ein altes Foto.
Darauf mein jüngeres Ich. Hinter mir ein Mann – Amerikaner, Name entfallen – und ein paar weitere bekannte Gesichter auf einem Gartenfest. Das Bild ist über dreißig Jahre alt. Ich stehe mit verschränkten Armen, gespielt strengem Blick, vor ihm. Jemand hat mit Filzstift einen Pfeil auf das Foto gemalt. Daneben steht:
„She’s my bodyguard“ – mit Herzchen.
Der Mann war übrigens 2,10 m groß. Ich ging ihm exakt bis unter die Brust. Kein Spott, keine dummen Sprüche – diese Freundschaft war auf Augenhöhe. (Jetzt bitte kein Kopfkino!) Klingt lustig, war aber so.
Wie oft musste ich mir in meinem Leben Sprüche anhören wie: „Na, wie ist die Luft da unten?“
Meine Antwort: „Ziemlich verbraucht. Von euch da oben.“
Mit den Jahren wurde der Ton rauer. Was früher als „Necken“ durchging, würde man heute wohl als Mobbing bezeichnen. Meistens drehte ich mich einfach um und ging weiter. Ohne Konter, ohne Drama.
Aber es gab Ausnahmen.
Einmal traf mich ein besonders übler Spruch – direkt unter die Gürtellinie.
Meine Reaktion:
„Ich passe unter jedem Küchenoberschrank durch … aber du? Muss schlimm sein, ständig mit dem Kopf gegen etwas zu knallen. Scheint bleibende Schäden zu verursachen.“
Danach war Ruhe. Nicht meine feinste Antwort – heute würde ich das anders lösen.
Aber der Moment war echt. Und ehrlich.
Und er hat mich bis heute beschäftigt.
Denn ich habe mich oft gefragt:
Was ist eigentlich der Zweck, jemanden auf ein vermeintliches Defizit anzusprechen – das nur in den Augen des anderen eines ist?
Rückblickend denke ich:
In meiner Jugend war das einfach die Art zu kommunizieren. Nicht immer schön, aber ein – unbeholfener – Versuch, in Kontakt zu kommen.
Vielleicht war es ja auch:
-
ein ungeschickter Ausdruck von Zuneigung?
-
Unsicherheit darüber, wie man jemandem zeigt, dass man ihn mag?
-
eine Hassliebe, aus der Nähe entstehen sollte, aber nicht wusste, wie?
Heute – mit etwas mehr Lebenserfahrung und einem klareren Bild von mir selbst – sehe ich das entspannter.
Ja, auch heute kommen noch Sprüche.
Aber:
Ich muss nicht mehr auf alles reagieren.
Umdrehen, weitergehen. Spart Luft. Und Nerven.
Denn:
Diese Menschen haben oft kein Problem mit mir.
Sondern mit sich selbst.
Mit ihrem Selbstwert, ihren Schatten, ihrer Unsicherheit.
Das zu erkennen war ein Prozess. Kein leichter, aber ein machbarer.
Und eine der wertvollsten Erkenntnisse, die ich mitgenommen habe.
Konfliktbaustellen-Tipps für gelassene Selbstbehauptung:
-
Selbstvertrauen statt Selbstverteidigung:
Wenn du weißt, wer du bist, bietest du weniger Angriffsfläche. -
Analysieren statt explodieren:
Frag dich: Warum spricht mein Gegenüber so mit mir? Und was sagt das über ihn aus? -
Freundlich kommunizieren:
Frag nach: „Was bringt dich dazu, so mit mir zu sprechen?“
Vielleicht entsteht daraus ein echtes Gespräch. Oder sogar Freundschaft. -
Ein Lächeln entwaffnet mehr als ein Konter:
Kein fieses Grinsen – ein echtes, wertschätzendes Lächeln. Das verändert die Dynamik. -
Gelassenheit üben:
Nicht jedes Wort verdient eine Reaktion. Manchmal ist Schweigen der lauteste Kommentar.
Heute weiß ich:
Größe misst man nicht in Zentimetern. Und auch nicht in Dezibel.
Defizite? Siehst meist nur du – oder eben die anderen.
Dieses Hänseln hat selten etwas mit dir zu tun. Es ist ein Spiegel dessen, was im Inneren des anderen los ist.
Und manchmal hilft auch eine Prise Selbstironie.
Und ein kleiner Rest Selbstverteidigung.
Beispiel gefällig?
Wenn ich heute aus unserem übergroßen SUV steige, erhobenen Hauptes, mit einem breiten Grinsen im Gesicht, werde ich gelegentlich gefragt:
„Können Sie dieses riesige Auto überhaupt fahren?“
(Spoiler: Ich bin gerade ausgestiegen.)
Meine Antwort?
„Ja – von allein kann er’s noch nicht. Aber das Fliegen üben wir demnächst!“
Herzlich von der Konfliktbaustelle,
wo man auch aus alten Bildern neue Erkenntnisse ziehen kann.
Und wo der Humor nie ganz untergeht.
MF
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