Der Mai ist noch so fern , und wenn er da ist, ist bald wieder Weihnachten!
Grau. Kalt. Dunkel.
„Es könnte jetzt auch Mai sein.“
Ein Satz, der im Winter zuverlässig fällt wie der erste Raureif – im Büro, an der Bäckertheke, im Treppenhaus. Und meist folgt ein Seufzer, der mehr sagt als der Satz selbst.
Die Weihnachtsstimmung ist dahin.
Die Aufbruchseuphorie von Silvester ebenfalls.
Die guten Vorsätze… nun ja, sie liegen irgendwo zwischen leiser Selbstironie und vorsichtiger Resignation.
Und dann dieser Wunsch: Zeit vorspulen. Bitte.
Ein paar Monate überspringen. Weniger Dunkelheit, mehr Licht. Weniger Pflicht, mehr Leichtigkeit. Mai eben.
Aber was kommunizieren Menschen eigentlich, wenn sie so sprechen?
„Es könnte jetzt Mai sein“ – eine kleine Übersetzungshilfe:
Wer so spricht, redet selten über das Wetter.
Es geht um etwas anderes.
Überdruss. Nicht am Leben, aber an der aktuellen Version davon.
Erschöpfung. Die Batterien sind leer, die Sonne reicht noch nicht zum Aufladen.
Ungeduld. Ein leiser Protest gegen Zustände, die sich nicht beschleunigen lassen.
Verlust von Gegenwärtigkeit. Das Jetzt wird zur lästigen Wartezone.
Der Satz klingt harmlos, ist aber eine klare Botschaft:
„Dieser Moment passt mir gerade nicht.“
Smalltalk wird oft unterschätzt.
Dabei ist er ein erstaunlich feines Messinstrument für kollektive Befindlichkeiten.
Wenn viele Menschen gleichzeitig anfangen, die Zeit wegzuwünschen, dann stimmt etwas nicht – zumindest für diesen Augenblick. Dann ist Gegenwart kein Ort mehr, sondern ein Hindernis.
Auffällig ist:
Niemand sagt „Es könnte jetzt August sein“.
Oder „November ist doch eigentlich auch ganz schön“.
Der Wunsch nach dem Mai ist kein Wunsch nach einem Monat,
sondern nach Leichtigkeit, Helligkeit, Unbeschwertheit.
Und hier wird es spannend – und ein wenig unbequem;
Lebenszeit ist das knappste Gut, das wir haben.
Und doch sind wir erstaunlich schnell bereit, ganze Wochen und Monate innerlich abzuschreiben.
„Hoffentlich ist bald Frühling.“
„Wenn erst der Sommer da ist…“
„Nach dem Urlaub wird alles besser.“
Das Problem dabei:
Das Leben hört nicht auf, Winter zu sein, nur weil wir ihn nicht mögen.
Und es wird auch nicht automatisch besser, nur weil der Kalender weiterblättert.
Wer ständig im Morgen lebt, verpasst zuverlässig das Heute.
Und zwar nicht aus Bosheit, sondern aus Müdigkeit.
Was steckt wirklich dahinter?
Oft ist es nicht die Kälte.
Nicht die Dunkelheit.
Nicht einmal der graue Januar.
Es ist das Gefühl, funktionieren zu müssen, während die innere Energie fehlt.
Es ist das Gefühl, dass Pausen zu kurz und Anforderungen zu groß sind.
Es ist die Sehnsucht nach einem Zustand, in dem man wieder ein bisschen mehr bei sich selbst ist.
Der Wunsch nach dem Mai ist dann eigentlich ein Wunsch nach
Atemholen
Entlastung
Erlaubnis, langsamer zu sein
Lasst und darauf hören und reagieren:
Vielleicht müssen wir den Winter nicht lieben.
Aber wir könnten aufhören, ihn innerlich zu verbannen.
Nicht jeder graue Tag verlangt nach Sinn.
Manche verlangen nur nach Akzeptanz.
Nach einem warmen Getränk.
Nach weniger Anspruch an sich selbst.
Und vielleicht – nur vielleicht –
dürfen wir uns dabei ertappen, wie wir sagen:
„Es ist kalt. Und das ist gerade so.“
Ohne Sehnsucht nach Mai.
Ohne Vorspulen.
Einfach anwesend.
Das ist keine Kapitulation.
Das ist eine stille Form von Selbstrespekt.
Denn Lebenszeit ist zu kostbar,
um sie im Smalltalk ständig wegzuwünschen.
Vielleicht hilft uns am Ende – mal wieder – Epiktet:
Die Dinge sind, wie sie sind.
Nicht als Einladung zur Gleichgültigkeit.
Sondern als Erinnerung daran, dass Widerstand gegen das Unveränderliche vor allem eines kostet: Energie.
Der Winter wird nicht kürzer, weil wir ihn wegwünschen.
Aber er wird schwerer, wenn wir ihn innerlich bekämpfen.
Und das ist nicht nur beim "Winter" so.
Und manchmal beginnt Gelassenheit genau dort,
wo wir aufhören, den Mai herbeizureden
und anfangen, den Januar auszuhalten.
In diesem Sinne wünsche ich Euch einen warmen Tee, oder so.
MD
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