Ich weiß, wie man sich als Affäre fühlt …
Jetzt seid Ihr sicher überrascht, von mir hättet Ihr das nicht erwartet. Ich schäme mich auch ein wenig, immer noch.
Aber die familiäre Bombe ist schon eine Weile geplatzt, und
meine Frau hat mir verziehen. Als ich ihr gestern gestand, dass ich immer noch
nicht so recht mit der Situation zurechtkomme, hatte sie die Idee, ich solle
mir das Thema doch einfach von der Seele schreiben. Deshalb also jetzt diese –
doch sehr persönlichen – Zeilen:
Angefangen hat es ganz harmlos. Ein klassisches Klischee. Die unmittelbare Nachbarschaft. Unsere Nachbarn verlassen morgens regelmäßig zur gleichen Zeit wie ich das Haus.
Er ist wohl Geschäftsmann, jedenfalls stets geschniegelt im
Business-Outfit, unhöflich, grüßt nicht und würdigt einen keines Blickes. Sie
war anders, und ich war mir von Anfang an sicher: Er hat sie nicht verdient.
Während dieser morgendlichen Begegnungen schaute ich immer mal wieder verstohlen hinüber, mein Fehler, ich weiß, aber bei langbeinigen Blondinen konnte ich schon immer schwer wegsehen. Jedenfalls bemerkte sie nach einiger Zeit meine durchaus unauffälligen Blicke und, so kam es mir zumindest vor, erwiderte diese. Erst ein kurzer Blick zu ihm, ob er hinsieht, dann ein entwaffnendes Lächeln in meine Richtung. Ich fühlte mich cool, ich fühlte mich wahrgenommen. Es wurde zu einer Art geheimer Routine zwischen uns.
Wir hätten es dabei belassen sollen.
Aber Ihr ahnt es sicher schon: Eines Morgens war sie allein am Gartentor. Ich konnte nicht anders, ich sah sie direkt an. Sie hielt meinem Blick stand, mehr noch, sie kam auf mich zu, und intuitiv lagen wir uns in den Armen, ohne dass ein Wort fiel.
Sie drückte sich kurz an mich, ich spürte ihren schlanken,
doch wohlgeformten, muskulösen Körper, dann entglitt sie mir wieder und war
verschwunden.
Am nächsten Morgen war er wieder mit ihr unterwegs. Ich hatte einen Kloß im Hals und versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Unser Blickritual setzte sich in den folgenden Tagen fort, doch für mich wurde es zunehmend schwieriger, und ich musste mir eingestehen: Ich will mehr.
Eine Woche später war es dann so weit. Sie verließ allein das Haus, als ich gerade in mein Auto einsteigen wollte. Als wäre es die größte Selbstverständlichkeit der Welt, saß sie plötzlich auf meinem Beifahrersitz. Ich fuhr los, schneller als gewöhnlich, in der Hoffnung, dass uns niemand gesehen hatte. Nahe am Park hielt ich an, nahm sie in den Arm und genoss den Augenblick.
Wir verbrachten zwei wundervolle Stunden im Park, einschließlich Picknick, und auf der Rückfahrt wusste ich genau: So kann es nicht weitergehen, das kommt irgendwann heraus.
Ich begleitete sie also wie selbstverständlich an ihre
Haustür, stürmte emotional aufgewühlt in unsere Küche und erzählte meiner Frau
alles bis ins kleinste Detail. Danach fühlte ich mich unendlich erleichtert.
Ich bin ihr dankbar, dass sie so offen und verständnisvoll auf meine Beichte reagierte.
Ich bin geheilt, so etwas passiert mir nie wieder, und
ehrlich gesagt: Das hätte ohnehin keine Zukunft gehabt.
Die Nachbarin heißt übrigens Ayla. Eine Afghanen-Hündin im besten Alter. Nicht auszudenken, wenn unsere Königspudelhündin Bilka von diesem Abenteuer erfahren hätte.
Aber seither treibt mich ein neuer Gedanke um: Warum sucht der Boxerrüde eine Straße weiter immer Blickkontakt zu meiner Frau, wenn wir uns zufällig vor dem Supermarkt begegnen? Muss ich mir Sorgen machen?
Jedenfalls weiß ich jetzt, wie man sich als Affäre fühlt – ist nichts für mich!
Aber zum Schluss noch ein Gedanke: Vielleicht ist es gar nicht die Affäre, die uns beschäftigt,
sondern die Bedeutung, die wir einem Blick geben.
Denkt mal drüber nach.
MD
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