Vom Pubertier zur Persönlichkeit – oder: Wie Zugehörigkeit erwachsen macht

 Wir haben ja bekanntlich drei Königspudel.

Die beiden Damen Curley und Bilka – gesetzter, routiniert, mit klarer innerer Landkarte.
Und dann ist da noch Bobby. Deutlich jünger. Pubertier. Kindskopf vor dem Herrn. Einer von denen, die immer genau den Platz nehmen, den jemand anderes gerade freigelassen hat. Nie der Erste. Aber immer dabei.

Diese Woche stand der Friseurbesuch an.
Diesmal anders. Zum ersten Mal Bobby allein. Und zum ersten Mal ich allein mit ihm.

Schon die Fahrt war ungewohnt. Kein Lieblingsmensch auf dem Beifahrersitz. Keine vertraute Dreierkonstellation. Nur wir zwei. Ein bisschen Unsicherheit auf beiden Seiten, würde ich sagen. Diese leise Frage, die weder Hund noch Mensch aussprechen, aber beide spüren: Schaffen wir das?

Beim Frisieren habe ich ihn gehalten.
Nicht nur körperlich.
Ich habe Beistand geleistet, beruhigt, Nähe angeboten.
Und – ganz praktisch – verhindert, dass ihm ein Ohr abgeschnitten wird oder Schlimmeres.

Die Rückfahrt war schon gelöster.
Und die Freude zu Hause überschwänglich.

Doch das eigentlich Bemerkenswerte kam erst am Abend.

Bobby, der sonst immer nur da ist, wo gerade Platz ist, hat sich wie selbstverständlich neben mich auf die Couch drapiert. Den Kopf auf mein Knie abgestützt. Ruhig. Selbstverständlich. Als gehöre er genau dorthin.

Als eine der Damen den Platz streitig machen wollte, kam ein tiefes, dunkles Grollen.
Nicht aggressiv.
Aber eindeutig.

Heute gehe ich hier nicht weg.
Ich bin auch jemand.

Jawohl.
Wir Männer müssen zusammenhalten.

Was ist da passiert?

Kein Erziehungsprogramm.
Keine Dominanzshow.
Kein „Jetzt bist du groß“-Ritual.

Sondern etwas viel Einfacheres – und viel Wirksameres:

Bobby wurde gesehen.
Und zugehörig behandelt.

Er war nicht „der Kleine, der halt mitläuft“.
Nicht „der Dritte“.
Nicht „der, der später drankommt“.

Er war gemeint.
Er war gemeinsam unterwegs.
Er war relevant.

Und das hat etwas aktiviert.

Das erinnert mich sehr an ein aktuelles Seminar, das ich gerade begleite:

„Von der Einsamkeit zur Zugehörigkeit“.

Dort geht es um Menschen.
Aber offenbar funktioniert das Grundprinzip auch im Pudelrudel erstaunlich ähnlich.

Wer sich einsam fühlt, ist oft nicht allein.
Er ist nur nicht eindeutig zugehörig.

Und Zugehörigkeit entsteht nicht durch Worte.
Sondern durch Handlungen.

Durch:

  • Ich halte dich.

  • Ich gehe mit dir.

  • Du bist jetzt dran.

  • Ich bleibe bei dir, auch wenn es unangenehm wird.

Das ist Aktivierung.
Keine Motivation von außen, sondern Erlaubnis von innen.

Kommunikation ist mehr als Sprache

Wir reden in der Mediation oft über Kommunikationsstile, über Worte, Missverständnisse, Eskalationen.
Und vergessen dabei manchmal, wie basal Kommunikation eigentlich ist.

Zugehörigkeit wird nicht erklärt.
Sie wird erlebt.

Im Pudelrudel.
In Familien.
In Teams.
In Organisationen.

Wer erlebt, dass er dazugehört, braucht weniger Platzkämpfe.
Und manchmal – wie Bobby – traut er sich plötzlich, einfach da zu sein.
Mit dem Kopf auf dem Knie.
Und einem leisen Grollen, das sagt:

Ich bin hier richtig.

So unterschiedlich sind die Kommunikationsstile beim Menschen und im Pudelrudel also gar nicht.

Manchmal braucht es keinen großen Konfliktlösungsansatz.
Sondern nur einen gemeinsamen Friseurbesuch.

Bis demnächst im Barbershop

MD

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