Wenn die Winterlinge sprechen – Hört uns die Natur zu oder hören wir nur uns selbst?


Heute Morgen am Frühstückstisch mit dem Lieblingsmenschen.

Kaffee. Toast. Zeitung halb gelesen.

Und dann dieser Satz:
„Hast du die Winterlinge schon gesehen? Wenn die kommen, geht’s vorwärts Richtung Frühjahr.“

Ein einfacher Satz.
Ein beiläufiger Satz.
Und doch einer, der Hoffnung in sich trägt wie ein gelbes Blütenblatt im Restschnee.

Aber dann die Frage, die sich – wie so oft auf der Konfliktbaustelle – leise dazwischenschiebt:

Ist das eigentlich Kommunikation?

Kommunizieren Winterlinge?

Die Natur als Absender?

Rein biologisch betrachtet: nein.
Der Winterling blüht nicht, um uns etwas mitzuteilen. Er folgt keinem Mitteilungsbedürfnis.

Kein Bewusstsein der Pflanze. Keine Botschaft im klassischen Sinne.

Er reagiert auf Temperatur, Licht, Bodenbedingungen.
Er folgt seinem genetischen Bauplan.

Und doch stehen wir da – mit Schal und kalten Fingern – und sagen:

„Schau, sie sind da. Der Frühling kommt.“

Wir lesen die Blüten wie eine Nachricht.
Wir interpretieren sie wie ein Zeichen.
Wir fühlen uns angesprochen. Wir schöpfen Hoffnung.

Also noch einmal:
Wenn niemand sendet – kann dann Kommunikation stattfinden?

Wir erinnern uns: Kommunikation beginnt im Kopf des Empfängers.

Vielleicht müssen wir Kommunikation anders denken.
Nicht nur als bewussten Akt eines Senders.
Sondern als Zuschreibung von Bedeutung.

Der Winterling sendet nichts, aber wir empfangen.

Oder präziser:
Wir konstruieren Empfang.

Kommunikation wird es in dem Moment, in dem wir etwas als Botschaft deuten.
Der Sinn entsteht nicht im Boden, er entsteht zwischen unseren Ohren.

Das kennen wir aus dem Alltag:

  • Ein Schweigen wird als Vorwurf verstanden.

  • Ein Blick wird als Geringschätzung interpretiert.

  • Ein „Okay“ wird als Angriff gewertet.

Vielleicht war da keine Botschaft.
Aber es entstand Kommunikation, weil wir sie zugeschrieben haben.

Ist es also nur Projektion?

Vielleicht.
Aber Projektion ist nichts Minderwertiges. Sie ist ein zutiefst menschlicher Vorgang.

Wir brauchen Zeichen.
Wir brauchen Orientierung.
Wir brauchen orientierende Linien im scheinbaren Chaos der Welt.

Der Winterling wird zum Symbol:
Durchhalten. Neubeginn. Zyklus. Hoffnung.

Er sagt nicht: „Es wird besser.“
Aber wir hören es trotzdem.

Und wenn etwas in uns Zuversicht erzeugt, war es dann wirklich „nur“ Projektion? 

Jetzt sagt Ihr vielleicht: Die Natur interessiert sich nicht für uns.

Natürlich nicht.
Die Natur ist kein Instagram-Account, der uns motivierende Sprüche schickt.
Sie ist kein Coach. Kein Mediator. Kein Kommunikationspartner.

Im Gegenteil:
Sie ist völlig unberechenbar, zumindest für uns Menschen.

Wir sind doch, einmal ganz nüchtern betrachtet, bloß biologische Randerscheinungen mit erstaunlicher Selbstüberschätzung.

Aber vielleicht liegt genau darin die Pointe:

Kommunikation ist kein moralischer Akt.
Sie ist ein Deutungsakt.

Und wenn wir im Aufblühen der Winterlinge Hoffnung lesen, dann ist das nicht Naivität.
Es ist kulturelle Intelligenz.

Kommunikation ohne Sender?

In der Mediation erleben wir etwas Ähnliches.

Manchmal sagt jemand:
„Das war doch gar nicht so gemeint!“

Und der andere antwortet:
„Aber so ist es bei mir angekommen.“

Hier zeigt sich:
Kommunikation entsteht im Raum zwischen Menschen, nicht nur im Mund des Sprechers.

Übertragen auf die Winterlinge:

Es braucht vielleicht keinen Sender.
Es reicht ein Wahrnehmender.

Und was bedeutet das für unsere Konfliktbaustelle?

Vielleicht dies:

Die Welt ist voller „Winterlinge“.
Kleine Ereignisse, die wir deuten können, destruktiv als Warnsignal oder hoffnungsvoll.

  • Eine Terminverschiebung kann Desinteresse bedeuten, oder Flexibilität.

  • Ein Schweigen kann Ablehnung sein, oder Nachdenklichkeit.

  • Ein frühes Blühen kann Klimakatastrophe heißen , oder Neubeginn.

Die Dinge sind, wie sie sind.
Unsere Bedeutungen kommen hinzu.

Vielleicht kommuniziert die Natur nicht mit uns.

Aber wir kommunizieren ständig mit ihr – indem wir sie lesen.

Und vielleicht ist das genug.

Der Winterling braucht uns nicht.
Aber wir brauchen ihn.

Als Zeichen.
Als Erzählung.
Als leuchtenden Beweis, dass selbst unter gefrorener Oberfläche Bewegung möglich ist.

Und wenn wir morgen wieder beim Frühstück sitzen und jemand sagt:
„Schau, sie sind wieder da“ –

dann wissen wir:
Nicht die Blume spricht.

Wir sprechen – durch sie.

Und vielleicht ist genau das Kommunikation.

In diesem Sinne: Lasst Blumen sprechen!

MD

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