Süßigkeitenschubladenzeitschaltuhr
Morgens. Küche. Immer. Ein Blick in den Garten, der langsam heller wird.
Zwei Tassen auf dem Tisch. Kaffee für mich, Tee für meinen Lieblingsmenschen. Oder umgekehrt? Vielleicht noch ein Glas Saft.
Es ist ruhig. Also fast.
Denn da sitzen sie schon.
Drei Königspudel. Eine Lhasa-Apso-Dame.
Aufmerksam. Erwartungsvoll. Hochkonzentriert.
Nicht irgendein Sitzen.
Das ist kein zufälliges Verweilen.
Das ist ein präzise einstudiertes Ritual.
Denn sie wissen:
Wenn wir beide sitzen, und erst dann, passiert in absehbarer Zeit etwas Entscheidendes.
Die Süßigkeitenschublade geht auf.
Und in dieser Schublade – strategisch günstig in Griffweite – liegt die Schnittstelle zwischen zwei Welten:
Schokolade für uns.
Butterkekse für sie.
Mindestens zwei.
In kleine Stücke gebrochen. Vornehm angereicht.
Gerecht verteilt.
Verlässlich.
So will es das Gesetz.
Und wenn dieses Gesetz nicht eingehalten wird?
Dann beginnt die Kommunikation.
Mary-Lou übernimmt die erste Eskalationsstufe.
Ein leichtes Wackeln des ganzen Körpers..
Ein kaum hörbares, aber eindeutig adressiertes Geräusch.
Eine Mischung aus höflicher Erinnerung und sanftem Nachdruck.
Bobby – der Meinungsverstärker – steigt kurz darauf ein.
Nicht aggressiv.
Aber deutlich.
„Wir haben hier einen Ablauf.“
Und spätestens dann wird klar:
Niemand von uns möchte wirklich testen, wie die nächste Eskalationsstufe aussieht.
Also öffnet sich die Schublade.
Ordnung wird wiederhergestellt.
Das System läuft.
Was hat das mit Kommunikation zu tun?
Alles.
Denn was wir hier beobachten, ist nichts anderes als ein hochpräzises Kommunikationssystem.
Ohne Worte.
Ohne Vertrag.
Aber mit klaren Regeln, Erwartungen und Konsequenzen.
Die Hunde haben gelernt:
Bestimmte Rahmenbedingungen (zwei Menschen sitzen zu einer bestimmten Uhrzeit am Tisch)
führen zu einer Erwartung (Schublade geht auf)
die bei Nichterfüllung eine Reaktion auslöst (Eskalationsstufenmodell Mary-Lou/Bobby)
Das ist klassische Konditionierung.
Aber es ist auch mehr.
Es ist Bedeutung.
Denn für die Hunde ist dieses Ritual kein Zufall, sondern ein verlässlicher Bestandteil ihrer Welt.
Und wir?
Wir sind Teil dieses Systems geworden.
Jetzt wird es spannend.
Denn wenn wir ehrlich sind:
Wir Menschen funktionieren ganz ähnlich.
Nur nennen wir es nicht „Süßigkeitenschubladenzeitschaltuhr“.
Wir nennen es:
Gewohnheit
Erwartung
„Das macht man halt so“
oder – besonders beliebt –: „Das war doch immer schon so“
Auch wir haben innere Schubladen.
Unsichtbar.
Präzise getaktet.
Erstaunlich resistent gegen jede Form von „Sommerzeitumstellung“.
Wenn jemand morgens nicht grüßt – Irritation.
Wenn eine Nachricht nicht beantwortet wird – Unruhe.
Wenn ein bestimmtes Verhalten ausbleibt – beginnt unsere eigene Eskalationskette.
Nur sieht die weniger niedlich aus als bei Mary-Lou.
Der entscheidende Punkt ist:
Diese inneren Zeitschaltuhren sind selten bewusst.
Wir laufen mit Erwartungen durch den Alltag, die wir nie ausgesprochen haben.
Und wundern uns dann, wenn andere sich nicht daran halten.
Oder schlimmer noch:
Wir interpretieren ihr Verhalten.
„Der meldet sich nicht – also bin ich ihm egal.“
„Sie hat nichts gesagt – also stimmt etwas nicht.“
„Er hat die Schublade nicht geöffnet – also… ja was eigentlich?“
Kommunikation beginnt genau hier.
Nicht beim Sprechen.
Sondern beim Erkennen der eigenen Süßigkeitenschubladenzeitschaltuhren.
Was erwarte ich eigentlich?
Woher kommt diese Erwartung?
Habe ich sie jemals klar kommuniziert?
Und: Ist sie für den anderen überhaupt erkennbar?
Unsere Hunde haben es einfacher.
Die sind erstaunlich konsistent in ihrer Erwartungslogik.
Wir Menschen hingegen kombinieren:
vergangene Erfahrungen
aktuelle Stimmungen
unausgesprochene Bedürfnisse
und eine gute Portion Interpretation
Zu einem System, das nach außen völlig unsichtbar ist – aber innen absolut zwingend wirkt.
Vielleicht liegt genau darin die kleine Lehre aus der Küche am Morgen:
Nicht jede Erwartung ist ein Gesetz.
Und nicht jede Abweichung ist ein Problem.
Manchmal ist es einfach nur…
eine nicht geöffnete Schublade.
Und manchmal hilft es, kurz innezuhalten und sich zu fragen:
Läuft hier gerade meine innere Zeitschaltuhr?
Oder ist da wirklich etwas im Außen, das geklärt werden muss?
Die Hunde schauen mich an.
Ich schaue zurück.
Dann öffne ich die Schublade.
Man muss es ja nicht eskalieren lassen.
Was ist in Euren Schubladen?
Herzliche Grüße
MD
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