Muttertag - Vatertag – Pralinen oder Bollerwagen?

Es gibt Tage im Jahr, die kommen nicht einfach daher – sie tragen ein Drehbuch auf der Stirn.

Der Muttertag ist so einer.
Ein Tag, an dem alles liebevoll durchgeplant ist: Blumen, Frühstück ans Bett, vielleicht ein Restaurantbesuch. Die Botschaft: Du sollst dich heute um nichts kümmern.
Was übersetzt ungefähr heißt: Heute fällt auf, was du sonst alles machst.

Und dann der Vatertag.
Ein Tag, der ebenfalls ein klares Skript hat: Bollerwagen, Bier, Kumpels. Die Botschaft: Du darfst heute raus, Freiheit genießen.
Was übersetzt ungefähr heißt: Du bist sonst eher drin.

Beide Tage meinen es gut. Und beide sind, wenn man ehrlich ist, kleine gesellschaftliche Karikaturen.

Denn sie erzählen – unausgesprochen, aber ziemlich deutlich – zwei Geschichten:

  • Die Mutter gehört ins System Familie, ihr größter Wunsch ist Entlastung darin.

  • Der Vater gehört nicht ganz hinein, sein größter Wunsch ist Abstand davon.

Wenn man das so nebeneinanderlegt, wirkt es plötzlich nicht mehr nur nett gemeint, sondern erstaunlich schief, provokativ, mit Streitpotential.

Was sagt das über unsere Bilder von Nähe und Zugehörigkeit?
Was sagt das über Erwartungen – und über Selbstbilder?

Konfliktbaustelle, heute im Angebot: Rollenbilder

Die spannende Frage ist nicht, ob diese Klischees stimmen.
Natürlich gibt es sie – und natürlich gibt es unzählige Gegenbeispiele.

Die eigentliche Frage ist:
Warum halten sich diese Bilder so hartnäckig?

Vielleicht, weil sie bequem sind.
Weil sie Orientierung geben.
Weil sie uns erlauben, Komplexität in einfache Rituale zu verpacken.

Und vielleicht auch, weil sie etwas berühren, das wir selten offen ansprechen:

  • Wie viel Nähe tut mir gut?

  • Wie viel Abstand brauche ich?

  • Und darf ich das überhaupt so wollen?

Ein kleiner Perspektivwechsel:

Heute ist Vatertag.

Und ich?
Ich war mit meinem Lieblingsmenschen in Braunsbach. Oldtimertreff. Zweiräder. Ein Ort im Ausnahmezustand, im besten Sinne. Gespräche, Motorengeräusche, Benzingeruch und dieses leise Gefühl von: Hier passt gerade alles.

Kein Bollerwagen.
Kein „Pflichtprogramm“.
Keine Flucht aus der Familie.

Sondern genau das Gegenteil: gemeinsame Zeit.

Bin ich damit „out“?

Vielleicht.
Oder vielleicht bin ich einfach nur ein Beispiel dafür, dass die alten Schubladen langsam zu klein werden.

Was bleibt?

Muttertag und Vatertag sind keine Probleme.
Sie sind Angebote.

Aber wie wir sie leben, ist unsere Entscheidung.

Vielleicht wäre die modernere Version gar nicht so kompliziert:

Ein Tag, an dem Menschen das tun dürfen, was ihnen wirklich guttut.

Mit den Menschen, mit denen es sich richtig anfühlt.

Ohne Drehbuch.

Und vielleicht ist genau das der eigentliche Perspektivwechsel:

Nicht Muttertag gegen Vatertag, sondern:
Mein Tag – unser Tag.

Werkstattfrage an die Kommunikationshelden zum Mitnehmen:

Wenn es keinen gesellschaftlichen Erwartungsrahmen gäbe, wie würdest Du diesen Tag verbringen?

Traut Euch!

MD

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