Die Gruppe, die sich selbst erfüllt – oder: Wer denkt hier eigentlich noch nach?
Es gibt diese Momente, in denen man – eigentlich ohne jede Absicht – über etwas stolpert, das einen festhält.
Heute war es keine große Nachricht. Kein politischer Skandal, keine Schlagzeile.
Es war eine Facebook-Gruppe.
Ihr Name:
„Dinge, die zum Nachdenken anregen.“
Ich musste schmunzeln.
Und blieb hängen.
Denn schon der Name ist ein kleines Versprechen.
Oder vielleicht sogar mehr: ein Anspruch.
Vielleicht sogar eine Einladung.
Oder – und das ist die eigentliche Pointe – ein Paradox.
Denn wenn eine Gruppe genau das tut, was sie im Namen trägt, dann ist sie ja… fertig.
Selbsterfüllt. Abgehakt. Ziel erreicht.
Man könnte sagen:
Mission completed– wir können schließen.
Aber natürlich funktioniert das so nicht.
Ist Denken ein knappes Gut?
Mich bringen täglich Dinge zum Nachdenken.
Ein Gespräch, das schiefgelaufen ist.
Ein Blick.
Ein Satz, der hängen bleibt.
Oder auch das Schweigen danach.
Und ich gehe fest davon aus:
Anderen Menschen geht es genauso. Hoffentlich!
Nur:
Warum ist diese Gruppe dann so leer?
Wenig Mitglieder.
Noch weniger Beiträge.
Liegt es daran, dass es zu wenig Dinge gibt, die zum Nachdenken anregen?
Oder daran, dass wir zwar denken – aber nicht mehr darüber sprechen?
Oder – eine unbequeme Variante –
daran, dass wir das Denken zunehmend outsourcen?
An Algorithmen.
An Schlagzeilen.
An „Zusammenfassungen in 30 Sekunden“.
Früher war Nachdenken oft ein Zwischenraum.
Heute scheint es eher ein Störfaktor zu sein.
Nachdenken braucht Zeit.
Und Zeit ist das, was wir uns am wenigsten gönnen.
Wir reagieren schneller, als wir reflektieren.
Wir posten schneller, als wir prüfen.
Wir bewerten schneller, als wir verstehen.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum eine Gruppe wie diese so leer bleibt:
Nachdenken ist kein Event.
Es ist ein Prozess.
Und Prozesse lassen sich schlecht posten.
Das ist sozusagen die Konfliktbaustelle des Denkens.
Ich finde das spannend:
Konflikte entstehen selten dort, wo gedacht wird.
Sie entstehen dort, wo vorschnell interpretiert wird.
Nicht der Unterschied ist das Problem –
sondern die fehlende Bereitschaft, ihn zu durchdenken.
Nachdenken ist also nicht nur eine private Tugend.
Es ist eine soziale Kompetenz.
Vielleicht sogar eine Form von Respekt.
Die eigentliche Frage ist vielleicht gar nicht, warum diese Gruppe so leer ist.
Sondern:
Wann habt Ihr zuletzt etwas gelesen, gesehen oder gehört –
und euch wirklich Zeit genommen, darüber nachzudenken?
Und wann habt Ihr diesen Gedanken mit jemandem geteilt?
Jetzt habt Ihr was zum Nachdenken.
Ich wünsche unseren Kommunikationshelden hiermit einen schönen Tag.
Und poste in die besagte Gruppe.
MD
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