Kommissar Elster

Heute machen wir mal etwas anders als sonst:

Mit freundlicher Genehmigung der Autorin Alex Wagner darf ich nachfolgenden Kurzkrimi heute auf meinem Blog veröffentlichen. Dafür danke ich ihr herzlich.

Ich wünsche viel Vergnügen beim Lesen. Und wer weiß – vielleicht seht Ihr nach dieser Geschichte die nächste Elster mit ganz anderen Augen.

KOMMISSAR ELSTER 

Ich heiße Michael. Ich bin Rechtsanwalt, und die Leute glauben, mein Beruf bestünde aus dramatischen Plädoyers vor Gericht. In Wahrheit besteht er vor allem aus Lesen. 

Ich lese alles, und ich vergesse nichts davon. Das ist keine Gabe, das ist eine Berufskrankheit. 

Leopold Brunner wohnt drei Häuser weiter. Im vergangenen Frühjahr verschwand seine Frau beim Bergwandern. Suchhunde, Hubschrauber, drei Wochen Zeitungsberichte, dann nichts mehr. Sie wurde nie gefunden, weder tot noch lebendig. 

Vorige Woche saß er nun in meiner Kanzlei: Verschollenheit in Lebensgefahr, sagte er, da könne man sie doch schon nach einem Jahr für tot erklären lassen, nicht wahr? Er habe sich erkundigt. Er trauere ja noch, erklärte er rasch, aber irgendwann müsse man die Dinge ja doch regeln. Die Lebensversicherung, das Konto, das Haus … 

Ich kannte die Familie aus den Akten. Vor drei Jahren hatte ich das Testament von Frau Brunner aufgesetzt. Eine resolute Person. Sie wollte mit ihrem Ehering begraben werden, und als ich das notierte, lachte sie: "Keine Sorge, Herr Anwalt, der geht sowieso nicht mehr ab. Seit zwanzig Jahren nicht. Den müsste mir der Bestatter vom Finger sägen." Es war ein außergewöhnliches Stück, nicht einfach ein simpler goldener Ring, sondern mit einem prächtigen tropfenförmigen gelben Diamanten verziert. Ein kleines Vermögen wert. So einen Stein vergisst man nicht. 

Ich vergesse ohnehin nichts. Auch das ist eine Berufskrankheit. Drei Tage nach dem Termin mit Herrn Brunner ließ ich meine Dachrinne reinigen. Der Dachdecker holte ein altes Elsternnest herunter und stellte mir den Fund grinsend auf den Kanzleitisch: Alufolie, eine Büroklammer, zwei Kronkorken. Und ein Ring. Ein gelber Tropfen, der aussah wie flüssiges Licht. 

Ich nahm die Lupe, mit der ich sonst das Kleingedruckte lese. Die Schiene des Rings war sauber durchtrennt worden. Aufgesägt. Innen in der Schiene fand die Lupe noch etwas: eine Gravur, fein und altmodisch. Ein Datum im Mai 2002. Darunter ein Name: Leopold. Der Schluss, den ich zog? 

Dafür musste man kein Jurist sein: Ein Ring, der zwanzig Jahre nicht vom Finger geht, verlässt diesen Finger nur auf eine einzige Weise — und die Trägerin hatte sich dabei wohl nicht mehr gewehrt. 

Herr Brunner heißt Leopold. Aber Leopolds gibt es viele, und ein Verdacht ist noch kein Beweis. Dennoch: Elstern fliegen keine zweihundert Kilometer bis in jenes Bergtal, in dem Frau Brunner verschwunden sein sollte. Elstern stehlen in der Nachbarschaft. Von Fensterbänken, von Gartentischen. Vielleicht von einem Schreibtisch, nahe einem offenen Fenster. 

Also bat ich Herrn Brunner noch einmal in die Kanzlei, wegen der Formulare, die er noch unterschreiben musste. Während ich die Akten ordnete, plauderte ich: Eine jahrzehntelange Ehe, das sei heute selten. "Wann haben Sie denn damals eigentlich geheiratet, Sie und Ihre Frau?" Er lächelte versonnen. "Im Mai 2002 war das. Am Achtzehnten." Das war nun wirklich interessant. "Sie haben Ihrer Frau diesen traumhaft schönen Ehering gekauft, nicht wahr?", plauderte ich weiter. "Mit einem gelben Diamanten. Sie hat ihn mir einmal gezeigt, bei einer dieser Gartenpartys in der Nachbarschaft. Sie meinte, glaube ich, sie könne ihn gar nicht mehr vom Finger ziehen." 

Er wirkte nur einen winzigen Augenblick lang irritiert. "Oh ja", sagte er dann. "Der ging schon nach kurzer Zeit nicht mehr ab. Sie hat damals ziemlich zugenommen, wissen Sie." Ich nickte. "Dann liegt dieser prächtige Ring wohl jetzt irgendwo in einer Gletscherspalte mit Ihrer armen Frau", sagte ich. "Ein Jammer." "Ja, nicht wahr. Nicht einmal der Ring blieb mir als Erinnerungsstück." Herr Brunner betupfte seine Augen und schniefte ein bisschen. 

Damit war die Beweiskette geschlossen: ein aufgesägter Ring in meiner Dachrinne, sein Name darin, sein Hochzeitsdatum — und nun auch noch seine eigene Aussage, der Ring liege bei der Toten am Berg. 

 Ich begleitete ihn zur Tür und griff zum Telefon. Die Polizei fand Frau Brunner innerhalb von vierundzwanzig Stunden, nachdem ich dort Meldung gemacht hatte. Herr Brunner hatte kurz nach ihrem Verschwinden seine Garagenzufahrt neu betoniert; das hatte die ganze Straße gesehen, aber niemand wäre auf die Idee gekommen, dass er seine eigene Frau ermordet und dort vergraben hatte. Den Ausflug in die Berge hatte es nie gegeben. 

Sein Motiv? Sie kennen es bereits: die Lebensversicherung, das Konto, das Haus. 

Die Zeitung schrieb später, Kommissar Zufall habe den Fall gelöst. Von mir aus. Ich habe den Herrn Kommissar persönlich kennengelernt: Er trägt Schwarz-Weiß, arbeitet unbezahlt und hat eine ausgeprägte Schwäche für fremdes Eigentum. Aber vor Gericht wird er nicht aussagen. Das werde ich übernehmen. 

—Krimihäppchen 💀 von Alex Wagner #kurzkrimi 

Danke an Michael Donath für die Herausforderung zu dieser Story! Er wollte statt des ewig davonkommenden Mörders einmal originelle Ermittlungsarbeit sehen — oder die seltsamen Methoden des Kommissars Zufall. Bitte sehr, lieber Michael: Kommissar Zufall persönlich, im schwarz-weißen Federkleid. Ganz zufällig unterstützt von einem cleveren Anwalt. 


Ich empfehle an dieser Stelle sehr gerne die Krimihäppchen von Alex Wagner:

Krimihäppchen von Alex Wagner


Für mich endet diese Geschichte nicht mit der Auflösung des Falls, sondern mit einer Erkenntnis, die auch hervorragend zur Konfliktbaustelle passt:

Aufmerksames Hinschauen verändert unseren Blick auf die Wirklichkeit.

Genau davon leben gute Ermittlungsarbeit, gute anwaltliche Arbeit und nicht zuletzt eine gelungene Mediation. Wer genauer hinsieht, entdeckt oft Zusammenhänge, die anderen verborgen bleiben.

MD


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