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Leise rieselt der Stress – Vom Wunsch nach Stille in einer lauten Zeit

Neulich schrieb mir ein geschätzter Mediationskollege: „Wie wär’s mit einem kleinen Adventstreffen? Glühweinstand, lockerer Austausch, vielleicht Samstag 17 Uhr auf dem Weihnachtsmarkt?“ Ich las die Nachricht, lächelte, und spürte gleichzeitig ein Ziehen im Bauch. Nicht, weil ich ihn nicht mag. Nicht, weil ich etwas gegen Begegnungen habe. Sondern weil ich an diesem Adventswochenende vor allem eines suche: Ruhe. Und weil der Gedanke an den Weihnachtsmarkt eher Stress in mir auslöst als Vorfreude. Früher war der Advent für mich eine besondere Zeit. Kerzenlicht, Plätzchenduft, Vorfreude. Ein Innehalten vor dem großen Fest. Eine leise Hinwendung nach innen. Heute? Weihnachtsmärkte sind rappelvoll, Glühwein kostet 6 Euro plus Pfand, die Musik kommt vom Band, ist nicht mein Geschmack, und zwischen Punsch und Plastiksternen schieben sich die Menschen mit Blick aufs Handy durch die Deko-Kulisse. Romantik? Irgendwo zwischen den Essensständen verloren gegangen. Dabei war der Advent ursprüngl...

Unbezahlbar?
Vom Wert der Dinge und dem Preis für Menschlichkeit

Neulich bin ich beim Durchstöbern der Mediatheken bei "Bares für Rares" hängen geblieben. Jeder hat vermutlich schon mal von dieser Sendung gehört, ich bisher nur gehört, nie gesehen. Also klickte ich neugierig drauf und ließ mich auf die Welt der Dachbodenfunde ein. Zu sehen: Menschen, die scheinbar alltägliche Dinge mit großer Geschichte und emotionalem Wert präsentieren. Schmuckstücke, die jahrzehntelang verschollen waren, Erinnerungsstücke aus Uromas Zeiten – für den einen Ramsch, für den anderen ein Schatz. Und genau das bringt mich zum Nachdenken. In der Sendung wird zuerst von einer sachverständigen Person jedem Gegenstand ein Wert zugeschrieben, gemessen an Zustand, Alter, Seltenheit und Begehrtheit auf dem Markt. Doch den tatsächlichen Preis bestimmt dann die Verhandlung, das Marktgeschehen, das Interesse der Käufer. Klingt nach Wirtschaft? Ist es auch. Und trotzdem geht es um mehr. Denn was ist eigentlich der Wert, und was ist der Preis? Ich denke an mein altes ...

Selfcare oder Selbstbetrug? – Wenn Achtsamkeit zur Leistungsdisziplin wird

Neulich im Wartezimmer des Hausarztes, 08.15 Uhr, gottseidank sollte ich nur ein Rezept abholen. Neben mir blättert eine Dame, schätzungsweise Mitte Dreißig, in einer Zeitschrift mit dem Titel "Selfcare für starke Frauen". Als ihr Name aufgerufen wird, sagt sie strahlend und mit echtem Stolz in der Stimme zur Arzthelferin: „Ich bin heute schon um 5:00 Uhr aufgestanden, habe meditiert, Journaling gemacht, kalt geduscht und meine 10.000 Schritte fast voll, ich brauche jetzt nur noch das Rezept, dann ist mein Tag komplett.“ Wow. Ich dagegen hatte mich mit großer Anstrengung aus dem Bett geschält, ein kurzes Frühstück genossen und bin vergleichsweise ziemlich unachtsam in meinen Tag gestolpert. Aber was mich an der Szene beschäftigte, war nicht etwa Neid auf ihre Disziplin. Es war eine Frage: Was kommunizieren wir eigentlich, wenn wir stolz verkünden, wie selbstfürsorglich wir um 5:00 Uhr in den Tag gestartet sind? Selfcare, also Selbstfürsorge, soll uns ja eigentlich schützen...

Angelesen, abgelehnt? Wenn Chatgruppen zur Konfliktbaustelle werden oder: Schweigen wird laut!

Neulich in der WhatsApp-Gruppe der Betreuungsassistenten. „Leute, wie sieht’s aus, Samstag Lerngruppe zur Vorbereitung der Prüfung nächste Woche?“ Gesehen: 11. Antworten: 0. Dann passiert: nichts. Keine Absage. Kein „Bin raus“. Kein Like. Nur dieses nervöse Grummeln im Bauch, das wir alle kennen: Hat niemand Lust? Hab ich was falsch gemacht? Bin ich jetzt peinlich? Können alle anderen schon alles? Willkommen im Kommunikationssumpf moderner Gruppenchats. Früher hießen Gruppen übrigens „Freundeskreis“, „Familie“ oder „Verein“, analog. Heute sind sie digitale Echokammern. Und manchmal klingen sie verdächtig leer. Das Problem: Schweigen ist auch Kommunikation. Und zwar eine der besonders lauten Art. Wenn niemand antwortet, wird das schnell persönlich genommen. Das gesendete Emoji, das ignorierte Meme, das unbeantwortete Planungsangebot, alles verwandeln sich in stille Vorwürfe, die durch den Kopf geister: „Nie reagiert ihr auf meine Ideen.“ „Ich hab’s doch gut gemeint.“ „Warum lese i...

Hobby-Horsing, Hobby-Dogging & Co. - ist das noch harmlos, oder muss das weg?

Was wir wirklich kommunizieren, wenn wir „virtuelle Hobbys“ ausüben: Es gibt Trends, die kommen leise, und bleiben. Und es gibt Trends, bei denen man sich fragt: „Meinen die das ernst?“ So ging es mir beim ersten Mal, als mir jemand vom „Hobby-Horsing“ erzählte: Menschen, meist Jugendliche, springen mit einem Steckenpferd durch Parcours, präsentieren Dressurlektionen und üben Schritt, Trab, Galopp. Und zwar nicht im Spaßraum der Kita, sondern mit erstaunlicher Ernsthaftigkeit. Mittlerweile ist das schon fest etabliert. Doch dann kam „Hobby-Dogging“: Menschen führen imaginäre Hunde an echten Leinen aus. Man kann Kurse buchen, für Leinenführung, Unterordnung, Hundepsychologie. Nur: Da ist kein Hund. Spätestens an dieser Stelle stellt sich die Frage: Was kommunizieren Menschen, die virtuelle Tiere ausführen? Und was sagt das über unsere Gesellschaft? Zuerst das Positive: Bewegungsdrang, Kreativität und eine Spur verspielte Leichtigkeit nehmen wir wahr. Bevor wir also die Hände über de...

Der blaue Koffer - meine Büchse der Pandora?

Als Kind hatte ich einen hübschen kleinen Koffer. Er war blau, schon damals ziemlich alt, mit einer Holzbespannung als nostalgisches Dekoelement. Ich bewahrte meine Puppenkleider darin auf. Später, als ich älter wurde, nutzte ich ihn für andere Schätze meiner Jugend, Briefe, Kleinigkeiten, Erinnerungen. Und als ich schließlich auszog, nahm ich ihn mit. Seitdem zog der Koffer mit mir von Wohnung zu Wohnung. Ich öffnete ihn nie. Nicht ein einziges Mal. Aber ich schleppte ihn mit. Immer. Der Koffer wurde zu einem stillen Begleiter, zu einer Konstante in meinem Leben. Ich stellte ihn ab, unbemerkt, ungenutzt, aber irgendwie war er immer da. Und wie oft machen wir das auch mit unseren inneren Themen? Wir tragen Dinge mit uns herum, die wir nie wirklich anschauen, alte Gedanken, frühere Verletzungen, verlorene Träume. Wie der Koffer stehen sie still in einer Ecke unseres Inneren. Nicht ausgepackt, aber trotzdem immer präsent. Sollte man solche inneren „Koffer“ irgendwann öffnen? Ist das ...

Wer nur fürs Wochenende lebt, verpasst fünf Siebtel der Woche ...

und ist jeden Montag ein Verlierer! Heute morgen beim Frühstück: Ein TikTok-Video geht viral. Ein junger Influencer klagt: Acht Stunden täglich arbeiten? Unmöglich! Wie soll man da noch leben? Die Empörung ist groß – und das nicht nur in den Kommentarspalten. Denn der Subtext ist klar: Arbeit ist lästig. Sie steht dem „echten Leben“ im Weg. Und damit sind wir mitten in einer Kommunikationsbaustelle, die größer ist als ein viraler Clip: Was bedeutet Arbeit eigentlich für uns, in unserer Gesellschaft, heute im Jahr 2025? Die Idee, dass Arbeit etwas ist, was „auszuhalten“ sei, und das eigentliche Leben erst nach Feierabend beginnt, ist weit verbreitet. Aber diese Idee ist auch gefährlich. Denn sie tut so, als sei jeder, der in seiner Arbeit Freude, Sinn, Stolz oder gar Identität findet, ein hoffnungsloser Fall. Das ist herabwürdigend. Die These, dass man sich nur in der Freizeit, beim Yoga-Retreat oder beim Dropshipping aus Bali selbst verwirklichen kann, ist schlicht falsch. Die Fra...